Meinung: HBA Kollektion “Daddy” bei der Fashion Week in N.Y.

Der Herr weiss es besser, macht es aber trotzdem falsch. Lernen Sie drauß ;)

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Normalerweise beschäftigen wir als Strumpfliebhaber uns nicht direkt mit High Fashion oder extravaganten Entwürfen von HBA. Auf Grund der auffallend abstrakten Kombinationen, die Shayne Oliver 2015 in New York päsentierte, möchte ich dennoch meine Meinung zum Thema darlegen. Zusammenfassend kann ich vorwegnehmen: Strümpfe gehören an die Füße und nicht auf den Kopf. 

Zugegeben, es ist nichts Neues, dass die Designer und Fans der High Fashion auf überdurchschnittlich ausgefallene Ideen und auf Provokation stehen. Doch gelegentlich fragen wir uns, da wir tagtäglich mit größtenteils eher “bodenständiger” Mode zu tun haben, was sich Designer & Co. bei so mancher Kreation wohl gedacht haben. Oder würden Sie sich in diesen Outfits präsentieren?

Modehybriden in den Kellern der Wall Street

“I wanna show you a faggot really can run this company”

Mit diesem Zitat, aus der Pilotfolge der neuen Fox Primetime Soap “Empire”, beginnt die Vorstellung der neuen Hood by Air Kollektion “Daddy” im Rahmen der New York Fashion Week 2015.

Der Soundtrack der Show “Total Freedom” verstummt von Jetzt auf Gleich. Begleitet wird das Ganze plötzlich von Jazz-Musik.

HBA ist in der Kunstwelt angekommen. Das beweist das Label bereits eindrucksvoll in der ersten Minute der Show, noch bevor die ersten Models den Laufsteg in den an einen Keller oder Verlies erinnernden Räumlichkeiten der Wall Street betreten.

Auch Gäste wie Klaus Biesenbach, Direktor der New Yorker Kunsthalle MoMA PS1 und Grace Coddington, seit ich persönlich denken kann Kreativchefin der amerikanischen Vogue, würdigten den kunstvollen Aspekt der Arbeit von Designer Shayne Oliver, mit ihrem Besuch.

Modell mit Blazer, Kaputze, weit geschnittener Hose und Strumpfhose - aber auf dem Kopf! Foto: Dandy Diary

Modell mit Blazer, Kaputze, weit geschnittener Hose und Strumpfhose – aber auf dem Kopf!

HBA ist dafür bekannt Streetwear mit High Fashion zu kombinieren. So wurden auch bei der diesjährigen Show viele Klassiker präsentiert, wie beispielsweise Button-Down-Shirts und Pullover in der berühmten und geschlechtsneutralen Silhouette des Labels.

Doch es gab auch wahrhaftige Hybriden, zum Beispiel aus Poloshirt und Kleid oder Camel Coat und Tank Top, wie Dandy Diary berichtet und eindrucksvoll mit Fotos illustriert.

Die ausgefallensten Kreationen der diesjährigen HBA Kollektion haben wir in einer kleinen Gallerie für Sie gesammelt.

 

 

Noch mehr Fotos von der HBA Show auf der New York Fashion Week? Hier lang

Doch es sind nicht die speziellen Kombinationen, Schnitte oder Patches, die mich dazu bewegt haben, meine Meinung über die “Daddy” Kollektion zu äußern. Es sind die seltsam wachsartigen Gesichter. Diese Optik entsteht durch Strumpfhosen, welche die Models auf dem Kopf tragen. Grund genug für die Hosieria, etwas genauer hinzusehen.

Um die Abstraktion zu perfektionieren, trugen Manche zusätzlich Schlösser vor dem Mund. Nun ist künstlerische Freiheit aber nur eine Seite der Medallie. Um die andere Seite, also das eigene Stilempfinden und die freie Interpretation der Kunst, geht es mir persönlich.

Strümpfe gehören an die Füße

Die Strümpfe auf dem Kopf sind eigentlich nur das auffälligste Element der extravaganten Kombinationen, da sie dort weder ansprechend aussehen, noch einen funktionellen Zweck erfüllen. Noch interessanter gestaltet sich jedoch die Interpretation dieser Optik.

Die Strumpfmaske symbolisiert typischerweise Einbrecher bzw. Kriminelle allgemein. Außerdem verleiht eine Strumpfmaske dem Gesicht eine sehr weichgezeichnete, fast wachsartige optische Beschaffenheit. Das Geschlecht vermag man nicht zu erkennen, natürlich passend zu HBA. In Kombination mit dem Schloss wirkt es aber fast so, als wolle der Designer die Models als gesichtslose, identitätslose und stumme Kriminelle stilisieren.

Diese tragen nun Mode auf, die häufig so wirkt, als fehlte an einigen Stellen schlichtweg der Stoff. Ein bisschen erinnern einige Outfits an abstrakt stilisierte Kleider armer Leute, gepaart mit futuristischen Elementen. Die schwarzen, aufgeplusterten Lederjacken wirken martialisch. Auch ein Outfit, welches stark der typischen Gefängniskleidung nachempfunden ist, wurde auf dem Catwalk in den Kellern der Wall Street präsentiert. Wie der Name schon sagt – “Daddy” likes to dominate.

Zeichnet der Designer eine düstere und brutale Zukunft, in der wir Menschen unsere Identität zunehmend übergeordnete Zwecken und Begrifflichkeiten unterordnen? Und das Schloss vor dem Mund macht es unmöglich, zu protestieren? Können wir uns im Auge des künstlerischen Betrachters in Zukunft deshalb nur noch durch Gewalt und Kriminalität behaupten – also dominieren?

Nein, denn es handelt sich immer noch um Fashion und um keine Agenda. Vielleicht möchte HBA ja auch auf gewisse Misstände aufmerksam machen. Aber erreicht man unter der Wall Street das richtige Publikum?

wall-street-609486_1280Warum?

Zusammengefasst präsentiert Shayne Oliver im Keller des berühmtesten Finanzbezirks der Welt, Sinnbild für Finanzkrise und Elite, geknebelte und gesichtslose Models, deren futuristische und zugleich geschlechtsneutralen Outfits Gefühle von Verwirrung und ein abstraktes Unwohlsein beim Betrachter erzeugen.

Die teilweise “gigantischen” HBA Prints und Patches wirken, als wollten sie ihre Eigentumsrechte, nicht nur an der Kleidung, sondern auch am Model selbst manifestieren. Schnitte und hybride Kombination der meisten Outfits, versprühen einen Hauch von Zukunft…einer fragwürdigen Zukunft.

Gesellschaftskritik hin oder her – für mich persönlich ist es zweifelhaft, ob eine derartige Zurschaustellung gewisser gesellschaftlicher Herausforderungen letztendlich wirklich für Verbesserungen sorgen würde, wäre die Show denn so gedacht. Und für Aufmerksamkeit abseits der Laufstege. Ist es gut für unser menschliches Selbstbild, wenn Mode, also ein großer Teil des Lebens vieler Menschen, mit verzerrten Gesichtern und verschlossenen Mündern in den Magazinen der Welt präsentiert wird?

Sollten Banker und High Society den modernen und “einfachen” Menschen als gesichtslos, stumm und gewalttätig erleben? In verliesartigen Räumlichkeiten unter der Wall Street? Zu Entertainment Zwecken?

Keine Frage: Künstlerisch und kreativ ist HBA ein Meisterwerk gelungen, welches seine Stimmung von Anfang bis Ende rüber bringt. Ob das Label seine Shows, mit einem Hauch Dystopie, aber an richtiger Stelle präsentiert, oder das Selbstbild des Menschen nicht eher negativ beeinflusst, das muss jeder für sich selbst beantworten.

Mode muss nicht mit jedem Jahr provokanter und einzigartiger werden. Strümpfe sind seit jeher Luxus- und Kulturgut. Sie spenden ihren Trägerinnen und Trägern Wärme und lassen gleichzeitig eine der aufregendsten und natürlich schönsten Körperregionen des Menschen in leidenschaftlichem und anziehendem Licht erstrahlen: Die Beine.

Gelegentlich ist es nämlich die richtige Kombination aus Kultur und einer, aus einem gesunden und modernen Selbstverständnis resultierenden, eleganten und bewussten Bodenständigkeit, die uns zu selbstsicheren und attraktiven Menschen macht. Und Strümpfe sind seit jeher ein globales und altes Kulturgut, welches aber auch Heute noch viele Outfits maßgeblich definiert. Egal ob High Fashion, alternative Szene oder die, der modernen Frauen und Männer. In Nylons zum Beispiel lebt der Freiheitswillen und die Aufbruchstimmung der 1950er, die Lust auf Zukunft und ein großes Stück Kultur weiter. Und zwar an unseren Beinen und in unseren Köpfen. Nicht auf unseren Köpfen.

Eure Hosieria

Nächste Woche befassen wir uns ausführlich mit den eben erwähnten Kultstrümpfen. Von klassischer Eleganz und gemalten Nähten – Echte Nylons.

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